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Monday, 26 October 2015

Kurztrip nach Warschau

Ich mochte Amsterdam, aber Warschau hat mich absolut begeistert. 
Wo es in Amsterdam nach Cannabis und süßen Waffeln riecht, stinkt es in Warschau nach Abgasen und Urin. Wo Amsterdam piktoresk und schön ist, ist Warschau edgy und von Gegensätzen gezeichnet. In Amsterdam habe ich Prostituierte hinter Glastüren gesehen, in Warschau wurde ich in einem dreckigen Hinterhof von einer heruntergelebten Hure angesprochen, die ihre besten Jahre lange hinter sich hatte. Ich mochte beide Städte, aber jede auf ihre eigene Art.

Palast der Kultur und Technik und Skyscarper Zlota 55.

An Warschau hatte ich keinerlei Erwartungen, denn ich hatte zwar viel über den Wandel der Stadt von einer osteuropäischen Stadt in Ruinen zu einer trendigen und hippen Metropole gehört, aber Reiseführer sagen ja viel, wenn der Tag lang ist und so dachte ich, ich sehe einfach mal, was auf mich zukommt. Dementsprechend überrascht war ich, als ich zuerst einmal einem Wolkenkratzer gegenüber stand, der mich entfernt an das Empire State Building erinnerte. Ein Geschenk von Stalin, mit dem bescheidenen Namen "Palast der Kultur und Technik". Warschau ist eine Stadt der Widersprüche: historische Gebäude neben Wolkenkratzern, Huren neben russischen Milliardärstouristen, der Gestank von Urin und der Geruch von Chanel No. 5. Warschau ist schön, edgy, dreckig, verfallen, gepflegt und das alles innerhalb von wenigen Hausnummern. Nicht überall, aber vielerorts reihen sich glänzend neue Stahlglas-Fassaden nahtlos ein in Häuserzüge geprägt von abrissreifen Häusern, deren Fenster vernagelt oder zugemauert sind. Auch der Palast der Kultur und Technik ist umgeben von abrissreifen Häusern und atemberaubenden Wolkenkratzern. Warschau ist nicht hübsch, aber sehr reizvoll und interessant. Und überall findet man Spuren seiner bewegten, blutigen und dunklen Geschichte, egal wie sehr sich die Stadt bemüht, diese wegzurenovieren, wo sie nicht erwünscht sind. In der Straße Prozna stand bis vor Kurzem der letze erhaltene Straßenzug aus den Zeiten des Warschauer Ghettos, komplett mit Einschußlöchern in den Hauswänden. Diese wurden und werden jetzt restauriert. Man möchte nicht, dass die Anwohner sich von den Geistern der ermordeten Juden verfolgt fühlen.

Erinnerungen an eine dunklere Vergangenheit, wo einst das Ghetto war. An einem Fenster stand: "My Family Roots"

Man möchte an sich gerne Anwohner anlocken. An anderen Stellen wird jedoch mit Pathos und Stolz an die Helden des Ghetto-Aufstandes 1943 und des Warschauer Aufstandes 1944 erinnert. Beide Aufstände hatten die Nationalsozialisten zum Gegner und beide waren gekennzeichnet von einer starken Unterlegenheit der Einwohner gegenüber den Besatzern. Der Ghetto-Aufstand dauerte trotz der schlechten Bewaffnung der Einwohner und deren Hungerleiden und sonstigen Krankheiten 28, der Warschauer Aufstand 63 Tage. Beide Aufstände zeugen von der Wehrhaftigkeit der Warschauer und von ihrem Willen für ihre Stadt zu kämpfen, beide wurden blutig niedergeschlagen, erst das Ghetto und dann die Stadt weitgehend zerstört. Ein weiterer Grund dafür, dass vom Ghetto nur noch wenig erhalten ist. Das einzige was man noch sehen kann, sind die besagten Häuser in der Ulica Prozna, der letzte Rest der Ghetto-Mauer, der in einem Hinterhof die Wohnhäuser Ulica Sienna 55 und 57 voneinander trennt, sowie in die Gehwege eingelassene Markierungen an einigen markanten Stellen entlang derer sich die Ghettomauer zog. Doch der Geist des Ghettos ist noch überall in der Gegend zu finden. Und das ganz fassbar. Man muss sich nur umsehen und stellt fest, dass die Häuser in der Gegend des Ghettos stellenweise etwas höher stehen als die im Rest der Stadt, dass die Straßen nicht ganz eben sondern etwas hügelig sind. Das liegt daran, dass es während des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg zu teuer gewesen wäre, ein so großflächiges Gebiet zu räumen und so baute man einfach auf den Ruinen des Ghettos das neue Warschau. 

 Der letzte Rest der Ghettomauer in einem Hinterhof

Erinnerung an den Verlauf der Ghettomauer

Für die Altstadt hingegen fand sich Geld. Vom Staat, aber auch von Sponsoren. So historisch die Altstadt aussieht, so faszinierend der Königspalast ist, der sich bis weit in die Geschichte zurückdatieren lässt, so sehr trügt der Eindruck. Denn die gesamte Warschauer Altstadt ist im Krieg bzw. in den Tagen in denen die Nazis die Stadt verließen, zerstört worden. Um dann mühevoll und auf Grundlage alter Fotografien und Gemälde des Malers Canaletto. Insbesondere der Königspalast verdankt seinen detailgetreuen Wiederaufbau dem italienischen Maler. 
Ich möchte hier keinen Reiseführer zusammenstellen, denn die findet man überall, vielmehr möchte ich sagen, was mir an Warschau besonders gut gefallen hat: 

1. Die neue Mitte rund um den Palast der Kultur und Technik
Besonders ein Besuch der Aussichtsterasse im 30. Stock lohnt sich, aber auch sonst finden sich hier alle wichtigen Geschäfte in der Nähe, ob man nun in das Shoppingcenter Zlote Tarasy geht oder sich in den Metropassagen unterhalb des Platzes verirrt. In den Zlote Tarasy gibt es ein Restaurant, das auch polnische Spezialitäten anbietet. In Buffetform. Das bedeutet, man nimmt sich, was man probieren möchte, und zahlt dann nach Gewicht des zusammengestellten Tellers. 

2. Das Museum des Warschauer Aufstandes
Hier erinnert man mit Stolz an den Aufstand der Warschauer im Angesicht eines übermächtigen und brutalen Gegners. Allerdings muss man diese Ausstellung mit Vorsicht genießen, denn bisweilen sind die Videos aus der Zeit extrem brutal, einige sind verstörend. Als Deutsche habe ich mich hinterher schwergetan, ein Gefühl des Fremdschämens abzuschütteln. Allerdings hatte das nicht nur mit meiner Herkunft zu tun. Sicherlich hat man viele der Greueltaten erzählt bekommen, man hat über und von ihnen gehört, aber ein Zeuge zu sein, wie diese Grausamkeit eine komplette Stadt verändert und einen Großteil ihrer Bewohner das Leben gekostet hat, das ist etwas anderes. Konkrete Folgen des Terrors zu sehen, macht das alles greifbarer, insbesondere in einer Stadt, die so sehr darunter zu leiden hatte wie Warschau. Das Gefühl, das sich jedoch am vordergründigsten einstellte, war die Frage: "Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun oder dabei zusehen, wie diese Dinge getan werden? Wie haben die Beteiligten damals ihre Taten gerechtfertigt?" Und das wiederum ist im Sinne des Museums. Man gedenkt derer, die sich mutig dem Terror entgegenstellten und für ein freies Polen kämpften, die für ihre Heimat kämpften, und gleichzeitig zeigt man, dass etwas so Grausames sich nie wieder ereignen darf. 

Denkmal der Helden des Warschauer Aufstandes

3. Palast und Garten Lazienkowski
Hier habe ich mich mit einem Mal in einem chinesischen Pavillon neben Tai Chi-Sportlern wiedergefunden und durfte dann den Palast auf dem Wasser und die reproduzierten Ruinen des Forum Romanum bewundern. Gerade für Spaziergänge sehr geeignet und etwas zu sehen gibt es alle naselang.

Der chinesische Garten

4. Die Altstadt
Mit all ihren gewundenen Gassen, der Syrenka, dem Wahrzeichen Warschaus und den Kamienne Schodki, den Steintreppen. Fast könnte man vergessen, dass all das wiederaufgebaut wurde und nicht hunderte von Jahren alt ist.

 
In der Altstadt: The Little Insurgent-Denkmal vor der Stadtmauer, Kamienne Schodki

Nach Warschau gekommen bin ich sehr günstig mit der Deutschen Bahn; von Berlin aus habe ich pro Richtung gerade einmal 29e bezahlt. Die Fahrzeiten waren dafür ebenfalls optimal, ich bin morgens um 6:40 in Gesundbrunnen abgefahren und dann über Lichtenberg und Frankfurt/Oder nach Warschau gefahren. Die Fahrt dauerte etwa 5 Stunden, um 12 war ich da. Am nächsten Tag ging es abends um 17:50 vom Warschauer Hauptbahnhof zurück. Theoretisch könnte man also aber auch in den fünf Stunden zwischen den Zügen zumindest etwas von Warschau sehen. 
Übernachtet habe ich in einem Hostel für 11e/Nacht in einem Raum mit drei weiteren Mädels (Chill Out Hostel gebucht über booking.com). Insgesamt habe ich mit Essen und Museumseintritten nur 119e bezahlt, Geld hatte ich zuvor in Berlin gewechselt und mehr habe ich nicht gebraucht. 

Bei meinem nächsten Warschau-Besuch auf dem Programm: Museum der Geschichte der Polnischen Juden 

Wednesday, 23 September 2015

Viel zu tun und Amsterdam

Die letzten eineinhalb Wochen war es etwas still um mich, da ich erstens immer noch versuche, meinen Alltag hier in Berlin zu finden, zweitens in Amsterdam war und drittens meine Mutter zu Besuch hatte. Ach ja und Sonntag war bei Superfit XpressDay, an dem die neuen LesMills-choreos in ihren Expressversionen vorgestellt wurden, aber beginnen wir am Anfang, nämlich mit Amsterdam.


Es gibt etliche Seiten und Blogs, die sich diesem Thema gewidmet haben, noch mehr, die einem sagen, welche Museen und Orte man unbedingt besuchen sollte und so weiter. Deswegen möchte ich einfach nur objektiv schreiben, welche drei Dinge mir an der Stadt am besten gefallen haben und wie der Trip zustande kam. 

The Bulldog - der erste Coffee Shop in Amsterdam

Der königliche Palast und Seifenblasen der Straßenkünstler

Anreise und Organisation
Mein Bruder und ich hatten schon vorher mit dem Gedanken gespielt in seinem - etwas späten - Sommerurlaub einen kurzen Tri zu unternehmen. Ich hatte in letzter Zeit viel über Amsterdam gehört, seine beste Freundin war vor Kurzem da und so kam es, dass wir uns für die Stadt in den Niederlanden entschieden. 
Die Buchung von allem unternahmen wir recht kurzfristig; am Sonntag vor unserer Abfahrt buchten wir Bahntickets (58e das Stück, DB Niederlande spezial) hin, Bustickets (29e das Stück, MeinFernbus/Flixbus) zurück und ein Hotelzimmer für die Nacht (Best Western Blue Tower, ca.71e/Person). Am Donnerstag um 4:25 fuhr unser Zug gen Hannover in Berlin Hauptbahnhof ab, in Hannover mussten wir um 6:20 umsteigen und dann waren wir gegen 11:00 Uhr am Amsterdamer Hauptbahnhof, von wo aus wir uns aufmachten, unser Hotel zu finden. Das überraschend weit außerhalb war, aber dafür sehr nett und nicht zu überrannt. 

 Macaroons!!!

Meine drei Höhepunkte

3. Das Jacketz (Kinkerstraat 56, 1053 DZ Amsterdam)
Ein Laden, der einem Backkartoffeln (und ich meine KARTOFFELN, nicht Kartöffelchen) gefüllt nach Wahl mit Beilage und leckerer Sauce nach Wahl serviert. Das Jacketz war die Empfehlung der oben genannten besten Freundin meines Bruders, die uns jedoch nicht sagte, was für ein Laden das war, und wir standen zunächst etwas ratlos vor dem Laden. Wir hatten riesigen Kohldampf und dann sollten wir uns mit Backkartoffeln zufrieden geben? Wollte sie uns auf den Arm nehmen?? Wir hatten allerdings gar keine Lust noch weiter nach Alternativen zu suchen, deswegen beschlossen wir uns also, einfach auszuprobieren, was man dort zu bieten hatte. Und was kann ich sagen, es war großartig. Selbst vegane Varianten fanden sich auf der Speisekarte und die Bedienung war super nett. Ich hatte eine Kartoffel mit Hühnchen, Kräutersauce und Nusstopping und mein Bruder Lachs und noch irgendwas, eine Empfehlung der Kellnerin auf jeden Fall. 
Beides war extrem lecker und vor allem sehr füllend. Hunger hatten wir an dem Abend nicht mehr.

Ordentliche Portionen im Jacketz

2. Das Anne Frank Haus


Schlange vor dem Anne Frank Haus um 8:30 morgens

Ein Klischee, ich weiß. Aber Klischees sind selten Klischees ohne Grund. So auch das Anne Frank Haus. Ich möchte gar nicht so viel dazu schreiben, da vermutlich jeder die Geschichte der Anne Frank kennt und sich jeder in einer anderen Weise von ihr berührt fühlt. Das merkt man auch, wenn man in die Gedenkstätte geht. Die leeren Räume sollen die Abwesenheit und gewaltsame Entfernung der deportierten Juden aus ihren Wohnstätten symbolisieren, sowie die Abwesenheit der Anne Frank. Wenn man in die Gesichter der Menschen sieht, die diese Erfahrung mit einem gemeinsam machen, findet man viele der Emotionen, die man selbst fühlt in den Gesichtern der anderen wieder. Da man mit vielen von ihnen schon gemeinsam auf den Einlass gewartet hat, werden einem die Gesichter der Fremden um einen herum seltsam vertraut, wozu die intime und aufrüttelnde Atmosphäre ihren Teil beiträgt.

Prinzengracht

Wenn man - was höchstwahrscheinlich der Fall sein wird - keine Tickets online bekommt, dann lohnt es sich, morgens um 8:30 am Haus zu sein. Man wird sich schon dann anstellen müssen, muss aber nicht unangenehm lange warten und wird trotzdem recht schnell nach Beginn der Öffnungszeit (9 Uhr morgens) eingelassen.

Die Schlange um 9:00 morgens


1. Das Flair
Als wir die Freundin meines Bruders fragten, was es sich lohnt anzusehen, war eine ihrer Antworten "einfach die ganze Stadt". Wir waren etwas verwirrt und leicht zynisch ob dieser Aussage. Was sollte denn das bitte heißen? Sobald wir ankamen und das Gewusel am Hauptbahnhof hinter uns gelassen hatten, verstanden wir jedoch, was sie meinte.

random Gracht mit Fahrrädern und Blumen. Mehr Amsterdam geht nicht.

altes Kanalhaus


Die vielen Grachten und die entspannte Stimmung rund um die Innenstadt sind fast zu schön um wahr zu sein. Insbesondere die Grachten haben es uns angetan. Egal, wo man entlang geht, überall stößt man auf malerische Brücken mit Blumenkästen und Fahrrädern, die einfach so Postkarte sind, dass man kaum glauben kann, dass sie wirklich existieren und man sich hier befindet. Auch das Rotlichtviertel ist sehenswert, selbst wenn man nicht an Gras, Tätowierungen und käuflicher Liebe interessiert ist. Die Stimmung ist ausgelassen, tolerant und offen, wie man es sonst selten erlebt. In Amsterdam braucht man tatsächlich nicht unbedingt eine Karte und einen Plan, es lohnt sich auch, sich einfach mal ein wenig in der Stadt zu verlaufen, insbesondere etwas abseits des Zentrums und der ausgetretenen Touristenpfade rund um den Bahnhof, Königspalast und das Reichsmuseum.

Amsterdam bei Sonnenuntergang von der Skybar des Hilton


Streetart im Rotlichtviertel

Alles in allem lohnt sich ein Trip nach Amsterdam, das von Deutschland aus ja auch supereinfach zu erreichen ist. Wenn man wie wir nur zwei Tage zur Verfügung hat, sollte man sich aber nicht hetzen, um dringend eine Sehenswürdigkeit nach der anderen zu sehen, sondern sich einfach auch mal die Zeit nehmen, die Stadt auf sich wirken zu lassen. Deswegen an dieser Stelle auch kein Text, was man dringend gesehen haben muss, denn wie die Freundin meines Bruders schon sagte: "die ganze Stadt, eigentlich ist die ganze Stadt einfach nur toll".

Thursday, 3 September 2015

Andere Länder, anderes Essen

Klingt selbstverständlich, nicht wahr? Die örtlichen Spezialitäten sind andere, je nachdem, was für Gemüse und Früchte vor Ort wachsen, wie die Essenskultur vor Ort aussieht und wieviele Einflüsse aus anderen Ländern in der Küche eine Rolle spielen. Aber grundsätzlich ist doch in Europa das Essen ziemlich dasselbe. Oder?

Jeder, der einmal in Italien versucht hat, Vollkornbrot zu bekommen, kann hier wahrscheinlich nur auflachen. Wobei ich nicht weiß, wieviele das außer mir jemals versucht haben. Die grauenvollste Erfahrung in der Hinsicht war, als ich eine Packung Brot kaufte, die völlig harmlos aussah, dann aber mit Anis gewürzt war. An sich eine klasse Idee, nur ein Hinweis darauf wäre nett gewesen. 

Ich bin Dienstag früh von Finnland nach Deutschland gezogen und auch wenn mir vorher unbedeutende Unterschiede schon aufgefallen waren - die Finnen leben derzeit in einem Proteinwahnsinn sondergleichen, alles gibt es in low-carb und high-protein, außerdem isst man z.B. zum Frühstück gerne Haferbrei, es gibt ein spezielles Roggenbrot, das man außerhalb eigentlich nicht bekommt etc. - bemerke ich jetzt erst, was für einen Unterschied die kulturellen Einflüsse machen, die andere Länder auf die Esskultur hatten und haben. In Deutschland gibt es z.B. an jeder Ecke ein italienisches Restaurant, in Finnland sind diese jedoch etwas spärlicher gesäht, Pizza wird oft von den Kebabläden verkauft. Aber auch finnischer Kebab funktioniert anders als hier. In Finnland gibt es nicht den typischen Döner Kebab im Fladenbrot, dort kriegt man das Fleisch mit Salat und Pommes, Kartoffelecken oder auf normalem Weißbrot serviert. Dagegen ist es in Finnland schwer bis unmöglich außerhalb der Saison Kirschen zu finden (z.B. eingelegt) und Kirschjoghurt braucht man gar nicht erst zu suchen. 

Aber genug der Vergleiche, worauf ich eigentlich hinauswollte, ist die Vielfalt des Lebensmittelangebotes in Berlin. Auch wenn ich vieles typisch Finnische eine Weile suchen oder ersetzen musste, so eröffnen sich mir hier völlig neue kulinarische Welten. Dienstag vor meiner Vertragsunterzeichnung war ich in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg und habe mich da in die WilmersdorfArkaden verlaufen, in deren Untergeschoss sich neben einem großen Alnatura-Biosupermarkt ein türkischer Supermarkt befindet. Ich war völlig begeistert von dem riesigen und exotischen Obstangebot, davon, dass viele der etwas exotischeren Obstsorten aufgeschnitten zum Probieren zur Verfügung standen, und dann war ich total überwältigt von der Vielfalt an Lebensmitteln, die ich teilweise nur am Rande kannte, wie z.B. Tahin oder geröstete Kichererbsen zum Snacken, oder die mir bisher völlig unbekannt waren.




Die Lehre, die ich aus diesem Erlebnis gezogen habe, ist, dass egal wie ähnlich die Kulturen sich oberflächlich sehen, sobald man sich etwas damit befasst, fallen einem extreme Unterschiede auf. So werde ich wohl für die nächste Zeit finnische Korvapuustis (Zimtschnecken) gegen türkisches Baklava eintauschen und mich jetzt mit den verschiedenen internationalen Einflüssen auf die deutsche Esskultur auseinandersetzen. Hand in Hand geht diese Ernährungsumstellung mit dem erneuten Lean, Clean and Green-Ansatz, den ich nach den Gains im Sommer, die etwas aus dem Ruder gelaufen sind, wieder verfolge, um wieder auf mein Kampfgewicht herunterzukommen. Also doch kein Baklava, schade eigentlich. 

Thursday, 27 August 2015

Tattoos - warum?

Statistiken sprechen Bände: rund 8 Millionen Deutsche haben Tattoos, mehr als 10% der Tattooträger und -trägerinnen haben mehr als 4 Tattoos und nur eine kleine Minderheit bereut die Entscheidung. Frauen sind mit 9,9% öfter tätowiert als Männer (8%), dafür haben Männer meist größere Tätowierungen als Frauen. Der größte Anteil an Tätowierten findet sich in der Altersgruppe 25-34 (Stand: 22.5.2014). Die Frage, die sich stellt ist also mittlerweile nicht mehr unbedingt, "ob?", sondern "warum?"

Ein gutes Beispiel, das viele Gedanken zum Thema zusammenfasst, findet man in diesem Interview, in dem Jacoby Shaddix (Frontmann der Gruppe Papa Roach) mit Beyond The Ink über seine Tattoos redet:

Zum einen erzählt er, dass er zuerst aufgepasst hat, dass man seine Tattoos nicht sehen kann, wenn er "richtige" Arbeit machen - also ein Hemd tragen - muss. Eine Sorge, die er in den Wind geschlagen hat, nachdem er merkte, er will eigentlich nichts anderes machen als Musik. In meinen Augen ist das tatsächlich ein Problem, das viele nicht direkt wahrnehmen, denn ich habe schon einige Leute mit tätowiertem Hals oder aber sogar Gesicht gesehen, die sich dann beschweren, dass sie keine Arbeit finden. Während Bizeps, Schulterblatt, Knöchel, etc. heutzutage schon recht akzeptiert sind, sind Tätowierungen an diesen Stellen noch immer verpöhnt und tragen ein Stigma von "Knastbruder" oder "Seemann" mit sich (bei Frauen Prostituierte). 

9 Stunden Arbeit und ein paar Hundert Euro später...

Aber warum denn jetzt? In Jacobys Fall kann man an seiner Begeisterung über seine Tattoos zu erzählen und auch allein an der Tatsache, dass er etwas über sie erzählen kann, erkennen, dass die Bilder nicht nur Bildchen sind, sondern eine Bedeutung tragen. Und ich selbst kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass die meisten meiner Tattoos eine Bedeutung tragen. Viele deuten auf Meilensteine - positive wie negative - in meinem Leben hin. Die Scheidung meiner Eltern, meine Verbundenheit zu Finnland, das Verlassen von Finnland... Auch bei Jacoby kann man das erkennen, im Namen seiner Frau, dem Symbol für seine Band, die Namen seiner Kinder... oder auch dem Placement auf dem Hals, das für ihn bedeutet, keine Bürojobs machen zu wollen oder zu müssen. Ein weiteres Beispiel ist Cara Delevigne, die z.B. auf ihrer Fußsohle zu stehen hat "Made in England", um ihre Herkunft zu symbolisieren etc. Tätowierungen bedeuten ihrem Träger fast immer etwas und auch Chris Evans sagte einmal, dass selbst wenn man sich mit dem Bild nicht mehr unbedingt identifizieren kann, so zeigen die Tattoos einem noch nach vielen Jahren in welchen geistigen "state of mind" man sich befunden hat, als man das Tattoo hat stechen lassen. Für mich ist das einer der Gründe, weswegen ich eigentlich keines meiner Tattoos bereue. Sie erinnern mich immer daran, was ich gedacht habe und womit ich gerungen habe, als ich sie habe machen lassen. Aus rein schmucktechnischen Gründen zahlt schließlich niemand hunderte von Euros und nimmt die Schmerzen und Unannehmlichkeiten auf sich, die Tattoos mit sich bringen. Oder vielleicht schon, ich habe ein Tattoo, das ich nur habe stechen lassen, weil ich an der Stelle etwas haben wollte. Das ist auch das einzige Tattoo, von dem ich ab und zu denke, dass ich das vielleicht lieber hätte sein lassen. 
Beeindruckend finde ich persönlich auch Tätowierungen von Krebsüberlebenden, insbesondere Brustkrebspatientinnen, denen die Brüste abgenommen werden mussten, die damit ihren Körper zurückerobern wollen. Die ihren Körper damit wieder ihren eigenen machen und ihre Narben verdecken oder betonen, abhängig von der Person.

Eines meiner wichtigsten Tattoos. 

Und warum nicht? Ein Tattoo ist dauerhaft. Fakt. Wenn es einem doch irgendwann nicht mehr gefällt, dann hat man ein Problem oder zumindest eine langwierige und schmerzhafte Laser-Prozedur vor sich. Deswegen sollte man sich länger überlegen, ob man wirklich ein Tattoo will, wo man es tragen möchte und dann auch das endgültige Motiv etwas sacken lassen, ehe man sich unter die Nadel legt. Das ist auch der Grund, weswegen man niemals - nein, tut es nicht - im betrunkenen oder bekifften Zustand zum Tätowierer gehen sollte. Außerdem spricht es definitiv gegen die Qualität des Tätowierers, wenn er das durchgehen lässt. 
Unter 16 sollte man definitiv keine Tattoos bekommen dürfen. Wäre das erlaubt, liefe ich jetzt mit denselben Tattoos durch die Gegend wie Brian von den Backstreet Boys. 
Ein anderer interessanter Grund gegen Tattoos wurde mir von einem Freund vorgeschlagen, der selbst nicht tätowiert ist, obwohl er Gitarre in einer Rockband spielt: "Tattoos sind mittlerweile so mainstream, dass man gerade in der Musikszene mehr heraussticht und eher was Besonderes ist, wenn man keine hat" Womit er Recht hat. 
Und der letzte Grund, von einem anderen Bekannten: "Ich würde ja gern, aber meine Freundin würde mich verlassen, wenn ich mich tätowieren ließe" Es mag nicht der beste Grund sein, aber so wichtig ist ein Tattoo nicht, dass man eine funktionierende Partnerschaft darüber riskiert. Betonung auf das Wort "funktionierend", wenn ihr euch nicht mal ein Leberwurstbrot schmieren dürft, ohne um Erlaubnis zu fragen, wäre ein Tattoo vielleicht ganz gut, um unter dem Pantoffel hervorzukriechen. Ansonsten kann man das Tattoo ja auch noch nach dem Ende der Beziehung stechen lassen. Da bekommt es dann auch gleich eine weitere Bedeutungsdimension. 


http://beyondtheinkmag.com/jacoby-papa-roach-tattoo-itw-video/
Coby Interview

Thursday, 20 August 2015

Reise- und Cafétipp: Das Scheunenviertel und Barcomi's in Berlin

Ick bin een Berliner. Sowohl geboren als auch Wahlberliner, um genau zu sein. Mit 19 bin ich zum Studium nach Greifswald gezogen und mit 22 dann nach Tampere, Finnland. Und erst nachdem ich fortgezogen bin, habe ich gemerkt, was für eine außergewöhnliche Stadt Berlin eigentlich ist und wie glücklich ich mich schätzen kann, dort aufgewachsen zu sein. Zum ersten aus praktischen Gründen: ich gehe selten in Großstädten verloren, weil ich von klein auf gewohnt bin in einer Großstadt zu navigieren. Und zum zweiten: Berlin ist einzigartig mit seiner Mischung von Geschichte, neuen Strömungen, Hoch- und Popkultur. In Berlin trifft man die Welt und die Welt trifft sich in Berlin. Der einzige Nachteil? Berlin hat so viele Facetten, dass es schnell zum sprichwörtlichen unübersichtlichen "Großstadtdschungel" verkommt und man den Wald - in diesem Fall interessante Örtlichkeiten, Museen, Kunst - vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Denn das Angebot an allem ist enorm und um eine informierte Entscheidung zu treffen, fehlt einem meist die Zeit und um einfach drauflos zu laufen und alles mitzunehmen, was einem über den Weg läuft, erst recht. Und dazu kommt das mittlerweile so bekannte FOMO-Syndrom (fear of missing out). Deswegen möchte ich euch hier eine meiner Lieblingsnachbarschaften in Berlin vorstellen, das Scheunenviertel. 

Das Scheunenviertel (das mir auch schon unter dem Pseudonym Spandauer Vorstadt verkauft wurde) liegt nördlich der Spree, direkt über dem Zentrum und Unter den Linden. Einfach zu erreichen mit der S- und U-Bahn von den Bahnhöfen Friedrichstraße, Oranienburger Straße und dem Hackeschen Markt, bildet die Oranienburger Straße ein wenig den Ausgangspunkt aller Akivitäten, die sich hier finden. Die Neue Synagoge ist eines der Wahrzeichen und bekannten Touristenziele an der Oranienburger Straße, aber was es hier zu sehen gibt, geht weit darüber hinaus. Direkt an der Ecke Friedrichstraße/Oranienburger Straße findet man das Kunsthaus Tacheles, ein ehemals staatlich gefördertes Kunstzentrum, das dieser Tage geschlossen ist, von außen aber einiges hermacht. Als ich zuletzt dort war, habe ich Menschen im Inneren gesehen, ich weiß allerdings nicht, ob das Wohnungsbesetzer sind oder rechtmäßige Anwohner (was ich aufgrund des Zustandes des Hauses bezweifle, aber wer weiß), dementsprechend habe ich nicht versucht, irgendwie ins Gebäude hineinzugelangen. 



Detailbilder der Fassade in Richtung Oranienburger Straße



 Eingang und Außenwand
Recht ironisch, wenn man die Fassade des Hauses so sieht... 
Weiter die Oranienburger Straße entlang, nahe der Synagoge ist das alte Postfuhramt, ein eindrucksvolles Gebäude, das zur Zeit leider gerade renoviert wird, weswegen ich kein Foto des Hauses habe. Dann findet sich dort direkt vor der Synagoge (wenn man aus Richtung Friedrichstraße kommt) der Eingang zu einem Hinterhof. Oder besser gesagt, einer Reihe von Hinterhöfen, nämlich die Heckmann Höfe. In dieser fast schon Oase finden sich im mittleren Hof einige Geschäfte und ein Restaurant, aber auch der Hinterhof danach lässt sich sehen mit seiner Grüngestaltung. Hier könnte man glatt vergessen, dass man sich mitten in einer Großstadt, ja, mitten in ihrem Zentrum befindet.
 Er greift nach seinen sieben Sachen und beendet seine Träume vor der dunklen Wärme seines Kaffees...Street Poetry in allen Durchgängen

 Der Hof, der an die Augustusstraße grenzt ist eine grüne Oase inmitten der Großstadt

 "Bühne ist jeder Sekunde im Leben Meinung geben" - in den Heckmann Höfen ist auch ein Theater zu finden

 Street Art.

"Sie schließt die Haustür hinter sich, schiebt die Kapuze über den Kopf und betritt den Tag" - zurück in den Großstadttrubel

Hinterhöfe sind im Übrigen eines der auffälligsten bautechnischen Merkmale Berlins, eines der berühmtesten Beispiele dürften die Hackeschen Höfe sein, die ich hier nicht weiter erwähne, die aber auch direkt im Scheunenviertel liegen und Heimathafen für viele Boutiquen und Cafés sind. Da sich zu ihnen aber in jedem Touristenführer etwas finden lässt, möchte ich mich lieber auf andere, kleinere Sehenswürdigkeiten konzentrieren. 
Etwas weiter die Straße entlang findet sich ein weiterer interessanter Innenhof, der Kunsthof, in dem ein Café und auch eine Galerie beherbergt sind. Gegenüber liegt fast direkt der Monbijou-Park mit einem kleinen Freibad für Kinder und wenn man durch ihn hindurchschlendert, findet man sich direkt an einer der unzähligen Strandbars entlang der Spree, gegenüber dem Bodemuseum wieder. 

Entscheidet man sich aber, weiter der Oranienburger Straße zu folgen, landet man an der Großen Hamburger Straße, dem jüdischen Zentrum Berlins. Hier war einst das jüdische Quartier, von dem leider nicht mehr allzuviel zu sehen ist. Der alte jüdische Friedhof ist noch immer hier, davor ein Mahnmal und die Grundrisse eines Gebäudes. Diese Grundmauern gehören zum ehemaligen jüdischen Sanatorium, das hier einst stand, und in dem die Juden zu Zeiten des Nationalsozialismus zusammengetrieben und von dort weiter in die KZ's gebracht wurden. Der jüdische Friedhof ist ein stiller Ort, den man auch heute noch besuchen kann. Was mich persönlich beeindruckt hat, war die Aussage, dass die Bombenopfer aus den letzten Tagen und Luftangriffen des Zweiten Weltkrieges hier in Massengräbern bestattet wurden und dass so die Gebeine der zuvor hier bestatteten Juden und der Opfer der Bombenanschläge nicht mehr auseinanderzusortieren sind. Der Symbolismus ist offensichtlich; im Endeffekt sind wir doch alle gleich.




Heutzutage findet sich hier aber auch das Magicum - ein Museum für Zauberei - und ein netter Vintage-Shop in dieser Straße, ebenso wie weiter die Straße hinab ein Café namens "Strandbad Mitte". Auch das ist Berlin, bewegende Geschichte und alltägliches Leben und Shoppen auf wenigen Quadratmetern.

Folgen wir nach diesem Abstecher weiter der Oranienburger Straße, kommen wir an den Hackeschen Höfen an. Geht man am Eingang zu diesen, dem Starbucks und dem Café Cinema (auch ein gutes Café) vorbei, steht man auf einmal vor dem Eingang zu einem weiteren Hinterhof. Einem etwas heruntergekommeneren Hinterhof. Hier ist das Haus Schwarzenberg, auch Teil des jüdischen Erbes Berlins mit dem Museum einer jüdischen Blindenwerkstatt, der Gedenkstätte für Stille Helden während des Nationalsozialismus und dem deutschen Zweig des Anne Frank-Hauses. Allerdings ist das Haus Schwarzenberg vor allem eines: inspiriert und mit etwas mehr edge als die Hackeschen Höfe, ist es ein Paradies für Freunde von StreetArt und Graffiti. Kaum ein Zentimeter Wand, der nicht mit Graffitti bedeckt wäre, Museen und viele kleine Ateliers und Artshops, sowie ein Monsterkabinett und ein paar Cafés und Streetfood Stände, damit ist das Haus Schwarzenberg definitiv auch einen Besuch wert. 


Haus Schwarzenberg, der charmant-verruchte kleine Bruder der Hackeschen Höfe

 
 Treppenaufgang zu einem Artshop und der Eingang zum Kino/Monsterkabinett


Wenn man sich von hier wieder auf die Hauptstraße traut und einfach ein paar Meter weiter zur Sophienstraße geht, kann man bis zu den Sophie-Gips-Höfen (Nummer 21) gehen und dort im Barcomis eine der Kaffeesorten aus der hauseigenen Kaffeerösterei probieren. Auch das Essen dort kann sich definitiv sehen lassen und der Service ist manchmal sogar fast etwas überengagiert. Am Wochenende kann man hier auch frühstücken und insbesondere im Sommer ist es schön, in der Morgensonne im Innenhof zu sitzen und einen Bagel oder ein Scone zu essen. Allerdings sollte man am Wochenende definitiv im Vorraus einen Platz reservieren. 

 Damit auch kein Zweifel bleibt, wo man ist...

 Blick in den Innenraum

 Auch zum Mitnehmen findet man hier immer etwas

Und hier werden wir vom freundlichen Kellner verabschiedet :)

Kunsthaus Tacheles: Oranienburger Straße 54 (S+U Bhf Friedrichstraße)
Heckmann Höfe: Oranienburger Straße 32/Augustusstraße (S Oranienburger Straße)
Postfuhramt: Oranienburger Straße 35 (S Oranienburger Straße)
Alter Jüdischer Friedhof: Große Hamburger Straße 26-27 (S Hackescher Markt)
Haus Schwarzenberg: Rosenthaler Straße 39 (S Hackescher Markt)
Barcomis Deli: Sophienstr. 21, Sophie-Gips-Höfe

Tuesday, 11 August 2015

Fundstück Body Love: magere Kunst?

Auf der Seite takepart.com hat die US-Fotoredakteurin Lauren Wade weltbekannte Bilder veröffentlicht. Das an sich hat ja noch keinen Nachrichtenwert. Was allerdings eine Nachricht wert ist, ist dass sie die Bilder mit Photoshop bearbeitet hat, damit die dargestellten Frauen (wie z.B. die Venus aus dem bekannten Bild "Geburt der Venus") dem heutigen Schönheitsideal entsprechen. Das Urteil darüber, in welcher Version sie besser aussehen, bleibt jedem selbst überlassen. Ich finde allerdings so oder so bemerkenswert, wie man daran sieht, was sich mit Photoshop alles machen kann. Da fühlt man sich als Durchschnittsfrau, die weder dick noch dünn ist gleich viel besser. Wenn man Bilder von mir so behandeln würde, könnte man aus mir auch einen Victoria's Secret Angel machen. 

Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus, 1486. Bildnachweis: takepart.com

Schaut euch einfach die Bilder im Artikel "What if famous paintings were photoshopped to look like fashion models?" an und freut euch, dass selbst hinter natürlich wirkenden Bildern von Prominenten oft einige Arbeitsstunden mit Photoshop drin stecken. 

Friday, 10 April 2015

Mein Emigrantenleben und ich - oder: Auswandern leicht gemacht

Ich lebe seit nunmehr fast sieben Jahren in Tampere, Finnland und habe meine Entscheidung auszuwandern nie bereut. Sicher, es gibt Momente in denen es komisch, traurig, unangenehm oder problematisch ist, so weit von der eigenen Familie und vom Heimatland entfernt zu sein, aber in den Jahren, die ich hier verbracht habe, habe ich auch sehr viele schöne, lehrreiche und interessante Erfahrungen gemacht und viel gelernt - besonders über mich selbst. 
Auswandern ist eine Extremerfahrung, selbst wenn man genau weiß, wo man hinzieht und was einen dort erwartet. Denn, was einen dort erwartet, das weiß man nie so ganz genau, egal wie sicher man sich dessen ist. Ich kannte die Stadt in der ich heute lebe schon länger, als ich mich entschloss, endgültig zu emigrieren. Vor meinem Umzug ins Ausland hatte ich schon insgesamt vier Monate in Tampere gelebt (einen Sommer verbrachte ich drei, den darauf folgenden einen Monat dort), doch es stellte sich schnell heraus, dass es eine Sache ist, in einer Stadt Urlaub zu verbringen und seine Sprachkenntnisse aufzupolieren, aber eine andere, wenn man dort tatsächlich einen Alltag hat. Hinzu kam, dass weder ich noch die beiden Freundinnen, mit denen ich seinerzeit her zog, hier einen Job hatten. 

Tampere im Winter. Einer der Gründe weswegen ich diese Stadt liebe.

Um uns den Papierkampf bei der Einwanderung zu erleichtern, kamen wir als Austauschstudenten ins Land. Wir hatten mit unserer Universität einen Erasmus-Aufenthalt von einem Jahr vereinbart, was uns auch in Bezug auf die Wohnungssuche weiterhalf. In Finnland gibt es in jeder größeren Stadt mit einer Universität Studentenwohnheime, auch solche mit komplett eingerichteten Zimmern für Austauschstudenten. Da wir uns mit dem System schon auskannten, weil wir einen Sommer bei der Studentenwohnungsgesellschaft in Tampere schon Unterschlupf gefunden hatten (im Sommer stehen die Wohnungen oft leer - falls ihr längere Zeit in einer finnischen Stadt verbringen und wenig für Unterkunft zahlen möchtet, ist das ein gute Anlaufpunkt), war es kein Problem eine Wohnung zu finden, sobald wir die Zusage von der Universität hatten. Auch die polizeiliche Registrierung war durch das Auslandsjahr an der Universität leichter zu begründen, als wenn wir der Polizei hätten erklären wollen, dass wir nach Tampere ziehen wollen, ohne Job, ohne Angehörige etc. Außerdem bot uns dieses eine Jahr auch die Möglichkeit in Ruhe zu sehen und auszuloten, ob Tampere wirklich das ist, was wir wollen.
Tip 1: Dementsprechend kann ich Studenten, die mit dem Gedanken spielen nach dem Studium auszuwandern, nur empfehlen ein Auslandsjahr in dem entsprechenden Land, wenn möglich in der entsprechenden Stadt zu organisieren. Wenn euch doch etwas stört, ist es einfacher einen Rückzieher zu machen, ansonsten ist selbst innerhalb Europas der Kampf mit der Bürokratie sehr viel einfacher als wenn ihr auf eigene Faust loszieht. Ich selbst habe keine Erfahrung mit dem Auswandern über den Arbeitgeber, aber nach allem was ich von anderen Auswanderern gehört habe, ist das noch mal einen Tick einfacher, weil der Arbeitgeber vieles für den Arbeitnehmer organisiert. Hinzukommt, dass eine Arbeitsstelle vor Ort sicher ist.

Das war die nächste Hürde. Eine eigene Wohnung haben wir recht schnell gefunden, aber an eine Arbeitsstelle war es sehr viel schwerer heranzukommen. Vor allem weil die Zeit drängte, unsere Eltern wollten unser Vornehmen schließlich nicht ewig unterstützen. Wir hatten Glück im Unglück. Unglück war, dass wir uns zum einen schlecht über die Arbeitsmarktsituation in dem Land und insbesondere der Region erkundigt hatten. Wir waren alle drei frisch fertig studierte Bachelor of Arts, hatten also Geisteswissenschaften studiert, ohne Erziehungswissenschaften war damit am Arbeitsmarkt in einer Industriestadt wenig anzufangen. Zumal ich selbst Kommunikationswissenschaft studiert und mehrere Praktika im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit absolviert hatte. In einem fremden Land, dessen Sprache man zwar gut oder sogar sehr gut, aber nun einmal nicht auf demselben Level wie Muttersprachler spricht und schreibt, war das allerdings nur wenig wert. Mal um Mal kam die Antwort zurück: "Wir benötigen Fachkräfte, deren Muttersprache Finnisch ist". Wenn denn eine Antwort kam.
Tip 2: Informiert euch im Vorraus über die Arbeitslage in dem Land und die vertretenen Industriezweige und Arbeitsbereiche in der Stadt die euch interessiert und überprüft, ob diese mit euren Qualifikationen übereinstimmen. 

Aber ich habe von Glück im Unglück gesprochen und davon, dass ich mittlerweile seit sieben Jahren hier wohne, nicht wahr? Unser Abenteuer Auswandern wäre sicherlich ein kurzes gewesen, wenn wir damals keine Arbeit gefunden hätten, aber es kam anders. Ich will mich gar nicht an den Herbst damals erinnern, die Stunden, die wir auf dem Arbeitsamt oder in der Bibliothek verbrachten, um Bewerbungen zu schreiben, weil wir kein Internet zuhause hatten. An einem dieser Nachmittage jedoch bewarb ich mich auf eine Stelle im Stadtzentrum, bei einem Reinigungsunternehmen. Einige Stunden später bekam ich einen Anruf und wurde zu einem Bewerbungsgespräch am nächsten Morgen eingeladen. An diesem Punkt wollte ich nur noch Geld verdienen und dachte mir, dass Putzen eigentlich auch ganz nett ist, auch wenn ich eigentlich nicht dafür studiert hatte, um Putzfrau zu werden. 
Am nächsten Morgen wurde mir eine andere Stelle angeboten als die, auf die ich mich ursprünglich beworben hatte. Irgendwo war eine Verwechslung geschehen, aber das Unternehmen suchte gerade händeringend Leute für eine neue Zweigstelle, welche die Züge der Finnischen Bahn putzen sollte. Der Job war 5min von unserer Wohnung entfernt und wäre interessanter als das Putzen von Bürogebäuden. Außerdem brauchte ich Geld. Dringend. Ich sagte also zu und bekam dann einige Stunden später die Zusage von meiner zukünftigen Chefin. Die mich dann auch gleich fragte, ob ich noch andere motivierte und arbeitssuchende Leute kenne. Ich gab ihre Emailadresse meinen beiden Freundinnen und schon wenige Tage später hatten auch sie einen Job. Glück im Unglück, nicht wahr? 
Aber es kam noch besser; erst einmal waren unsere Arbeitskollegen aufgrund des schnellen Arbeitstempos und der Arbeitsumgebung alle jung und beweglich. Wir waren fast alle im selben Alter, die meisten in der gleichen oder ähnlichen Lebensphase. Viele meiner ehemaligen Arbeitskollegen zähle ich noch heute zu meinen besten Freunden. Zweitens mochten meine beiden Vorgesetzten mich. So sehr, dass sie mir anboten, mich für den Sommer für die Urlaubsvertretung meiner direkten Vorgesetzten zu trainieren. Ich sagte zu. Und lernte Personalleitung, das Erstellen von Dienstplänen; im Laufe der Jahre habe ich sogar das eine oder andere Bewerbungsgespräch führen dürfen, habe Arbeitnehmern kündigen müssen, mir ihre Probleme angehört, die Arbeitsausführung geplant. Ich durfte auch hinter die Kulissen der Finnischen Bahn schauen und sehen, wie ein landesweites Logistikunternehmen geführt wird, wie es funktioniert. Doch im darauffolgenden Sommer kam es anders: meine Chefin, die Leiterin unserer gesamten Abteilung, kündigte unerwartet aus gesundheitlichen Gründen. Meine direkte Vorgesetzte teilte mir mit, dass ich die einzige wäre, die diesen Job auch nur einigermaßen erledigen könnte, weil die Zeit zu kurz war, jemand neues zu schulen. So war ich in diesem Sommer gleich in die Chefetage mit Rechnungen, Lohnabrechnungen, Kundenkontakten und allem Drum und Dran gerutscht. Nach dem Sommer wurde aus meiner direkten Vorgesetzten meine Chefin und die nun freie Stelle der direkten Vorgesetzten ging an... jemand anderen. Weil Finnisch nicht meine Muttersprache sei und ich deshalb Probleme mit den Kundengesprächen haben könne. Allerdings machte ich weiterhin Vertretungen und im darauffolgenden Sommer wurde meine neue direkte Vorgesetzte schwanger und ich bekam ihre Stelle für die Zeit ihrer Schwangerschaft. Gegen Ende dieser Zeit begann ich ein neues Studium, hatte also sowieso keine Zeit mehr für eine Volltagsstelle und ging zurück zum einfachen Putzen. Nach den Jahren an Erfahrung, die ich in dieser Zeit hatte sammeln dürfen, war mir das allerdings auch ganz recht. Auch wenn es nach außen vielleicht nicht so aussieht, aber das Putzbusiness ist ein Haifischbecken und die Konkurrenz ist groß. Preise werden unterboten, bis man kaum mehr das Gehalt der Angestellten zahlen kann, weswegen die eh schon knappen Arbeitszeiten noch weiter verkürzt werden. 
Heutzutage arbeite ich an meiner Masterarbeit und putze in einer Firma in der meine Stunden sich danach richten wie lange ich brauche und in der Stadtbibliothek. Und gibt es etwas schöneres, als bei der Arbeit von Büchern umgeben zu sein? Ja, von Büchern und netten Büchereiangestellten umgeben zu sein und genügend Zeit zu haben seine Arbeit richtig zu machen. Trotzdem möchte ich die Erfahrungen nicht missen, die ich in der Personalleitung gemacht habe. Ich habe mich in Organisation und Führungsrollen üben dürfen und gemerkt, dass mir beides liegt. Außerdem war kein Tag wie der andere und ich habe auch hinter die Kulissen von vielen anderen Firmen und Veranstaltungsorten gucken dürfen. Bin an Orte gekommen, an die sonst niemand so ohne weiteres darf. Denn auch wenn die Arbeit als Putzfrau manchmal - bitte verzeiht die Wortwahl - buchstäblich scheiße ist, so sieht man Dinge, die nicht jeder sieht. Außerdem lernt man zu arbeiten und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. 
Tip 3: Manchmal braucht man auch ein wenig Abenteuerlust und muss einen Schritt in eine Richtung tun, die einem unangenehm oder waghalsig erscheint. Manchmal muss man Dinge tun, die man nicht tun möchte. Oft hängt das Ergebnis des Ganzen aber nur von der eigenen Einstellung ab. Mit einer positiven Grundeinstellung und einer guten Arbeitsmoral kommt man weit, selbst wenn es für Außenstehende vielleicht nicht danach aussieht. 


Auch im Sommer kann sich die Stadt sehen lassen. 

Eine Sache, die ich so nicht erwartet hätte, war allerdings der Kulturschock, der irgendwann einsetzt. Nicht in den ersten Tagen, manchmal nichtmal im ersten Jahr. Aber je länger ich hier bin, desto mehr bemerke ich Unterschiede zwischen der finnischen und der deutschen Kultur. Und diese Unterschiede sind keine meilenweiten, auffälligen Unterschiede, sondern klein, kaum merkbar. 
Ein Beispiel ist z.B. die Sprechkultur. Finnen gelten generell in der Welt als wortkarg, das sind sie aber durchaus nicht oder zumindest nicht alle. Finnen reden nur anders. Auch finnische Small Talk Themen unterscheiden sich von deutschen. Während man in Deutschland gerne fragt, was jemand eigentlich beruflich macht, kann ein Finne das schnell als zu persönlich empfinden. Finnen fragen lieber, woher jemand kommt oder was man am Wochenende vorhat. Was ich allerdings selbst immer wieder feststelle, ist dass mich Finnen als unhöflich empfinden. Aber warum, ich bin doch eigentlich ein sehr höflicher Mensch? Der Grund dafür liegt im Pausenverhalten bei Gesprächen. Während im Deutschen rhetorische Pausen und Redepausen generell recht kurz gehalten werden, benutzen die Finnen einmal recht viele und dann für mich als Deutsche sehr lange Pausen. Und trotz sieben Jahren in Finnland passiert es mir noch heute, dass ich denke, dass der Redebeitrag meines Gegenüber schon vorbei ist, wenn mein Gegenüber eigentlich nur eine kleine rhetorische Pause einlegt. Und dementsprechend fühlt sich mein Gegenüber, als wäre ich ihm über den Mund gefahren. Außerdem verstehe ich bis heute noch nicht ganz wie der Sprecherwechsel im Finnischen funktioniert, denn oft bemerke ich in Gesprächen, dass ich kleine Hinweise, dass jetzt die nächste Wortmeldung dran wäre, nicht wahrnehme. 
Auch das Alkoholverhalten der Finnen ist anders. Die Finnen trinken nicht jeden Tag ein Bierchen oder ein Glas Wein zum Abendessen. Finnen sind den größten Teil de Woche abstinent. Wenn sie dann aber trinken, dann trinken sie bis zum Anschlag. Finnen gehen dementsprechend auch mit Betrunkenen sehr viel gelassener um, denn morgen könnten das sie selbst sein. Diese Ruhe im Umgang mit Betrunkenen habe ich nie gelernt.
Tip 4: Kulturelle Unterschiede sind wichtig. Sie zu bemerken ist wichtig. In Ländern wie Indien und Japan sind sie so offensichtlich, dass man nicht umhin kann, sie zu bemerken, doch auch zwischen zwei Ländern, deren Kulturen augenscheinlich gleich sind, gibt es kleine Unterschiede. Und gerade diese kleinen Unterschiede sind es, die viel ausmachen. Gerade diese kleinen Details im Verhalten gilt es zu bemerken. Haltet also die Augen offen. 

Meine Zeit hier in Tampere neigt sich ihrem Ende zu. Nicht weil ich unbedingt hier weg möchte, sondern aus dem einfachen Grund, dass ich meinen Masterabschluss im Juni in der Hand halten werde und dann in dieser Stadt, insbesondere bei der aktuellen wirtschaftlichen und arbeitsmarkttechnischen Lage in Finnland und in Tampere keine Arbeitsstelle in meinem Gebiet finden werde und ich nicht mehr die Kraft habe, mir in Helsinki ein neues Leben aufzubauen. Außerdem wird es mit jedem Jahr ein klein wenig schwerer, den Alltag in einer Fremdsprache zu bestreiten. Man merkt das in den ersten Monaten und Jahren noch nicht, weil die Begeisterung überwiegt, aber irgendwann fühlt man sich, als würde man selbst durch Wasser waten, während die Menschen um einen herum auf einem netten gepflasterten Gehweg an einem vorbei ziehen. Und auch wenn ich Finnisch mittlerweile laut Aussage einiger Finnen so gut beherrsche, dass man mich nicht sofort als Nicht-Finnin erkennt, es ist anstrengend. Auch die Entfernung zu Familie und alten Freunden macht einem mit der Zeit zu schaffen, besonders wenn man Feiertage nicht mit ihnen verbringen kann. So sehr ich Tampere und meine Freunde, mein Leben hier vermissen werde, ich habe in dieser Stadt alles gelernt, was ich zu lernen hatte. Es wird Zeit für mich, neue Erfahrungen zu machen, neuen Herausforderungen entgegenzutreten. Ich bin ein bisschen aus Tampere herausgewachsen. Und das bringt mich zu meinen letzten Tips.
Tip 5: Nichts währt ewig. Auch wenn ihr jetzt überzeugt seid, dass ihr den Rest eures Lebens in einem anderen Land verbringen werdet: Zeiten ändern sich. Ihr ändert euch. Und nichts ist für immer. Habt keine Angst vor Veränderung, neuen Herausforderungen, auch nicht nach dem Auswandern, ich ziehe erst einmal zurück nach Berlin, aber ich könnte mir vorstellen, eine Zeit in London zu wohnen. Vielleicht in den USA. Bleibt flexibel.
Tip 6: Und vor allem genießt jeden einzelnen Tag. Nicht jeder macht diese Erfahrung und es gibt sovieles zu entdecken. Die Erfahrungen, die ihr machen werdet, werden euch verändern, ihr werdet vieles lernen, werdet selbstständiger, unabhängiger und selbstbewusster. Nehmt alles mit, was diese Erfahrung euch gibt, Erfolge, Enttäuschungen, Glückserlebnisse und traurige Momente.

Ich würde nichts an meiner Geschichte ändern, auch nicht das (vorläufige) Ende.